Sammlung

Ben Vautier

* 18. Juli 1935 in Neapel, Italien; lebt in Nizza, Frankreich

Werke in der Städtischen Sammlung Erlangen

  • Kunst, nicht datiert (1971)

Beschreibung

Siebdruck
Maße: 50 x 70 cm
Signatur, Datierung, Nummerierung: signiert rechts unten
Épreuve d’Artiste
Inventar-Nummer: 1001231

 

Die Frage nach dem Wesen der Kunst steht im Zentrum von Ben Vautiers Arbeit.1
Ausgangspunkt ist sein künstlerisches Konzept, der Prozeß der Herstellung hat nur noch eine untergeordnete Bedeutung. Bereits die Ready-Mades von Marcel Duchamp (ab 1913) erhielten ihren Kunstcharakter durch ihre konzeptuelle Bezeichnung und nicht durch die Gestaltung.
Vautier setzt seine Schrift in ein Bild. Dabei spielt er mit dem Begriff Kunst, indem er das Wort „Kunst“ in schöner, schwarzer Schreibschrift auf einen weißen Grund malt und damit seiner Auffassung von Kunst eine spezifische Qualität zuschreibt.
Eine mögliche Erläuterung könnte man im Zeichensystem von Ferdinand de Saussure finden. Er legt dar, daß es Bezeichnetes und Zeichen gibt, die als Signifikat (auch signifié, „Bezeichnetes“, Zeicheninhalt) und Signifikant (auch signifiant, „Bezeichnendes“, Bezeichnung, äußere Zeichenform) unterschieden werden.2 Das Bezeichnete ruft unsere Vorstellungen von Kunst auf und das Bezeichnende, das geschriebene Wort, auch in seinem besonderen Schriftbild, lenkt sie in eine bestimmte Richtung.
Das Schriftbild spielt in der an den Nouveaux Réalistes, am Dadaismus und am Fluxus orientierten Kunst des Franzosen eine wichtige Rolle. Er versucht den intellektuellen Diskurs bezüglich der Kunst zu umgehen, indem er augenscheinlich die Kunst vereinfacht und nur ein Wort abbildet. Dahinter steht aber Vautiers dialektischer Denkansatz, die Antinomie der Begrifflichkeit und Erscheinungsweise von Kunst.
Genau wie de Saussure verbindet er das Einfache mit dem Komplexen. Die Umsetzung seiner Idee erfolgt so, daß Vautier das Wort „Kunst“ verwendet und dieses aufteilt in sein Schriftbild und dessen damit implizierte Bedeutung.
Vautier hat sich theoretisch und praktisch mit den Mechanismen der Kunst, des Kunstmarktes und der Rezeption befaßt und neue Definitionsmöglichkeiten von Kunst eröffnet. Mit der Trennung von Bezeichnetem (Idee der Kunst) und Bezeichnendem (Handschrift des Künstlers) verweist Vautier darauf, daß die Kunst ihre Erscheinung und ihren Begriff ständig verändert, aber gerade darin ihr Wesen liegt.
ANNETTE MELBER  

1 Kat. der Ausst. Ben Vautier – zu viel Kunst, Hrsg. Städtische Galerie Erlangen, 2., erw. u. akt. Auflage, Erlangen 1993.
2 Peter Prechtl, Saussure zur Einführung, Hamburg 1994, S. 70.

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