Sammlung

Dan Flavin

* 1. April 1933 in New York City, USA; † 29. November 1996 in Riverhead, USA

Werke in der Städtischen Sammlung Erlangen

  • Untitled (To European Couples), 1971 - 73

Beschreibung

Kassette mit neun Siebdrucken auf Karton
Maße: jeweils 45 x 59 cm
Signatur, Datierung, Nummerierung: jeweils signiert, datiert, betitelt und nummeriert Mitte unten
Exemplar-Nummer: 21/60
Druck: Rischner-Family, Styria Studio, New York
Verlag: Multiples Inc./Castelli Graphics Inc., New York
Inventar-Nummer: 1001136.1–9

 

Die unbetitelte Serie To European Couples von Dan Flavin bezieht sich auf seine 1971 vollendete gleichnamige Serie von Eckinstallationen aus fluoreszierendem Licht. Beide bestehen aus neun formal identischen quadratischen Elementen in neun verschiedenen Farben: Weiches Weiß, Kaltes Weiß, Rot, Warmes Weiß, Blau, Gelb, Grün, Tageslicht-Weiß, und Pink.1
Das Konzept für die den Siebdrucken zugrunde liegenden Installationen entstand 1966, nur drei Jahre nachdem Flavin begonnen hatte, sein plastisches Schaffen auf reines Licht in Form von Neonröhren zu reduzieren. So benutzte Flavin seit 1963 in seinen Installationen, seinen Monumenten 2, ausschließlich Neonröhren, ,Ready Mades‘, frei erhältliche Massenware in den handelsüblichen fünf Formen und zehn Farben.3 Sein gesamtes Werk nach 1963 setzt sich demnach aus nur 50 möglichen Komponenten zusammen. In den European Couples verwendete er sogar nur eine einzige Röhrenlänge von acht Fuß, wie auf den Drucken angegeben ist.
Zudem tragen seine Arbeiten nach 1963 auch keine Titel mehr, lediglich eine Widmung, die sich hier an neun mit ihm befreundete europäische Paare richtet. Auf jedem Druck sind die Namen eines Paares4 und der jeweilige Farbton mit Bleistift vermerkt.
Die Serie To European Couples besteht aus neun Siebdrucken, deren Vorzeichnungen die jeweils vier Neonröhren gleicher Länge und Farbe darstellen. Diese sind quadratisch angeordnet, wobei die horizontalen Röhren dem Betrachter zu- und die vertikalen von ihm abgewandt sind und die Wand anstrahlen. Dies verdeutlicht Flavin, indem er die horizontalen Rechtecke mit der jeweiligen Farbe füllt, die vertikalen Rechtecke dagegen ohne Farbfüllung beläßt, dafür aber die innerhalb des Röhrenquadrates liegende Fläche – die rückwärtige Wand – entsprechend einfärbt.
Die drei Linien, die vom Bildrand aus auf das Quadrat zulaufen, stellen Kanten eines Raumes dar, die Ecken bilden, für welche die To European Couples-Installationen vorgesehen waren: neun Lichtquadrate für neun Ecken in neun Räumen. Die Unterbrechung der vertikalen Linie innerhalb des Quadrates bezieht sich auf den von Flavin einst entdeckten und seitdem bewußt angewandten Effekt, daß man durch Licht Architektur optisch verändern kann: „Als ich das realisierte, wußte ich, daß man die räumliche Einheit eines Raumes unterbrechen, daß man durch sorgfältige, gründliche Komposition des Beleuchtungsmaterials mit dem Raum spielen kann.“5 So lassen die To European Couples-Eckinstallationen die vertikalen Raumkanten, vor denen sie angebracht sind, verschwimmen oder sogar verschwinden.
Ein Blick genügt nicht, um die Situation zu erfassen. Das Spiel mit der Illusion als Aufforderung zum nochmaligen Hinsehen, zum bewußten Wahrnehmen, ist ein typisches Charakteristikum der Minimal Art, die auch Flavin vertritt. Auch er benutzte geometrische Formen, hier das Quadrat, und ein zentrales Material, Licht beziehungsweise Farbe, die für ihn angesichts der industriellen Domestizierung des Lichts eins werden: „Es gibt keinen Unterschied zwischen dem Licht und der Farbe; beide sind Erscheinung.“6
Der Betrachter soll die Serie To European Couples weder interpretieren noch darüber meditieren oder eine (religiöse) Verklärung erfahren. Flavin wollte vielmehr eine „get-in-getout“- Situation.7 In solchen Monumenten gelingt ihm die Synthese von Skulptur (die Neonröhre als Material), Malerei (farbiges Licht an der Wand) und Architektur (Gestaltung des Raumes).
ANJA SIMON  

1 In Reihenfolge der Drucke.
2 Ironisch bezeichnet Flavin seine Installationen als „Monuments“, vor allem im Hinblick auf deren ephemere Erscheinung: eine Neonröhre brennt nicht länger als 2.100 Stunden.
3 Vgl. Tiffany Bell, Flurorescent Light as Art, in: Kat. der Ausst. Dan Flavin. Retrospective, New York / Washington, New Haven/London 2004, S. 109.
4 Thordis & Heiner; Heidi & Max; Sabine & Holger; Pia & Franz; Christine & Bruno; Karin & Walter; Katharina & Christoph; Barbara & Joost; Janet & Allen.
5 Dan Flavin, ::: in daylight and cool white. Autobiographischer Essay von Dan Flavin, in: Kat. der Ausst. Fünf Installationen in fluoreszierendem Licht von Dan Flavin. Zeichnungen, Diagramme, Druckgraphik 1972 bis 1975 und zwei Installationen in fluoreszierendem Licht von Dan Flavin, Hrsg. Carlo Huber u. Franz Meyer, Kunsthalle und Kunstmuseum Basel 1975, S. 8.
6 Donald Judd über Dan Flavin: Don Judd, Aspekte von Flavins Arbeit, in: Kat. Flavin 1975, S. 7. dort zit. nach: Art and Artists, IV, März 1970, S. 48 f.
7 Dan Flavin, zit. nach: Michael Gibson, The Strange Case of the Fluorescent Tube, in: Art International 1, Herbst 1987, S. 105. Flavins Neonröhren stehen somit in einem Gegensatz zu Barnett Newmans Farbflächen, bei denen der Betrachter diese Verklärung
erfahren soll.

Künstler von A-Z