Sammlung

Dieter Roth

* 21. April 1930 in Hannover; † 5. Juni 1998 in Basel, Schweiz

Werke in der Städtischen Sammlung Erlangen

  • 6 Piccadillies, 1970

Beschreibung

Kassette mit sechs Siebdrucken auf Holzpappe, beidseitig bedruckt
Maße: jeweils 50 x 70 cm
Signatur, Datierung, Nummerierung: jeweils signiert und datiert rechts unten, nummeriert links unten
Exemplar-Nummer: 127/150
Verlag: Petersburg Press, London
Inventar-Nummer: 1001444.1–6
Abbildung: Blatt 5

 

Die 6 Piccadillies gehören zu den interessantesten Werken im vielseitigen und komplexen Œuvre des 1998 verstorbenen Dieter Roth. Die Druckgraphik als Ausdrucksmittel bot dem Schweizer Künstler ein weites Experimentierfeld. Durch seinen Erfindungsgeist leistete er gerade auf diesem Gebiet vielfältige Innovationen und überschritt die Grenzen der bis dahin üblichen Nutzung des Mediums.
Die Kombination unterschiedlicher Techniken kennzeichnet seine schöpferische Arbeitsweise, die in den 6 Piccadillies beispielhaft in Erscheinung tritt. Es handelt sich um Drucke auf beidseitig mit Chromoluxkarton kaschierter, vier Millimeter dicker Holzpappe. Sie bilden eine Serie von Reproduktionen einer Ansichtskarte des „Piccadilly Circus“ in London, die aus dem Besitz von Rita Donagen, der Lebensgefährtin Richard Hamiltons, stammt.1 Für Roth selbst war die Postkarte eines der wichtigsten Medien, sie stellte seit seiner Emigration nach Island 1957 ein für ihn wichtiges Korrespondenzmittel mit seinen Freunden dar.
Die Ansicht des „Piccadilly Circus“ aus der Vogelperspektive präsentiert den von Häuserfronten gesäumten Platz mit seinen überbordenden Reklametafeln im belebten Verkehrsgeschehen als eine besondere Sehenswürdigkeit der „swinging sixties“ in London. Auch auf Roth übte sie eine besondere Faszination aus. Nach einer photomechanischen Vergrößerung des Motivs und der anschließenden Vervielfältigung durch das Offsetdruckverfahren ließ er das Bild „in verschiedenen Siebdrucktechniken überdrucken“2 und erzeugte auf diese Weise zahlreiche Modifikationen des Originals. Während die Rückseiten der Kartons mit einem identischen Ausschnitt des Postkartenmotives bedruckt sind, das jeweils nur eine geringe Fläche in der Mitte einnimmt, farbig aber variiert, weisen die Vorderansichten scheinbar keine erkennbaren Gemeinsamkeiten mehr auf. Durch seine eigenwillige Verknüpfung experimenteller Drucktechniken und ungewöhnlicher Materialien erreichte Roth eine sechsfache Verzerrung des Originals.
Auf dem ersten Karton bedruckte er das Motiv im Stil des Pointillismus, indem er Tupfer aus ungemischten Grundfarben spontan und richtungslos nebeneinander auf die vergrößerte Kartenansicht setzte, die sich dann erst aus der Distanz zu einem neuen Bild zusammenfügen und in groben Zügen den Piccadilly Circus erkennen lassen. Der zweite Karton steht hierzu farblich in einem starken Kontrast: Das Motiv der Postkarte wurde mit Eisenspänen3 überdruckt wiedergegeben, sie bilden eine rauhe, anthrazitfarbene Oberfläche, die nur die Umrisse dreier Busse frei läßt, die als einzige Objekte aus dem originalen Bild durchscheinen. Für die Kartons 3 und 4 setzte Roth folienkaschierte Oberflächen ein und produzierte durch das Übereinanderlegen mehrerer Folienschichten den Effekt einer Milchglaswand, als sei der Piccadilly Circus in dichte Nebelschwaden gehüllt. Der fünfte Karton löst das Motiv der Postkarte in große Flächen auf, die im Stil der Pop Art in plakativen Farben aufleuchten. Für den letzten Karton der Serie benutzte Roth eine Substanz, die für den Druckbereich eher untypisch ist: Teer, heiß aufgetragen, so daß der Bildträger zu einer plastisch hervortretenden Masse erhärtete. Auch in seiner auf Rot- und Grautöne reduzierten Farbigkeit korrespondiert der letzte Karton mit der symbolischen Farbskala des „Glühens“ und „Erkaltens“. Immer deutlicher kristallisiert sich heraus, daß ein Motiv, egal wie gut man es zu kennen glaubt, nicht oberflächlich betrachtet werden sollte. Auch wenn es, wie im Fall der bereits zahlreich publizierten Ansichten des „Piccadilly Circus“, scheinbar nichts Neues mehr zu entdecken gibt, lehrt Roths graphischer Kosmos doch, daß direkt unter der Oberfläche zahlreiche Parallelwelten lauern.
SUSANNE HÜTTER  

1 Kat. der Ausst. Roth Zeit. Eine Dieter Roth-Retrospektive, hrsg. v. Theodora Vischer und Bernadette Walter, Basel 2003, S. 120.
2 Barbara Wien/Hansjörg Mayer, Dieter Roth. The Piccadillies, Stuttgart 2005, S. 31.
3 Ebd.

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