Sammlung

François Morellet

* 30. April 1926 in Cholet-sur-Loire, Frankreich; lebt in Cholet-sur-Loire und Paris, Frankreich

Werke in der Städtischen Sammlung Erlangen

  • recto – verso, 1972

Beschreibung

Kassette mit acht Siebdrucken auf Offset extra-blanc
Maße: jeweils 60 x 60 cm
Signatur, Datierung, Nummerierung: jeweils beidseitig signiert
Exemplar-Nummer: 43/100
Herausgeber: éditions média, Neuchâtel (Schweiz)
Inventar-Nummer: 1001034.1–8

 

Obwohl François Morellet sich schon sehr früh von der figurativen Malerei abgewandt hat, kann er ein großes Spektrum künstlerischer Arbeitsformen vorweisen. Er begann im Bereich der kinetischen Kunst in den 50er Jahren, fertigte also zunächst bewegte Objekte, und setzte seine geometrischen Elemente später auch in Installationen ein, die sich auf den Raum oder auch im Freien auf die Architektur beziehen. Charakteristisch für seine Kunst sind die Basis einer strengen Systematik und die Vielfalt der Variationen.1 Diese Systematik läßt sich auch in der Graphikserie recto – verso erkennen, die aus acht quadratischen Blättern besteht. Morellet beschränkt sich hier auf Schwarz und Weiß sowie die Lineatur des Bleistifts. Wie der Titel schon verrät, nutzt er jeweils Vorder- und Rückseite eines Blattes, doch kann nicht eindeutig ausgemacht werden, was Vorder- und was Rückseite ist, da beide Seiten signiert sind.
Die erste Graphik zeigt auf der einen Seite zwei breite schwarze Linien, die sich in der Mitte kreuzen und so das Blatt teilen. So entsteht je nach Betrachtungsweise ein schwarzes Kreuz auf weißem Grund oder man erkennt vier weiße Quadrate auf schwarzem Grund. Auf der anderen Seite können die Außenkanten der schwarzen Linien verfolgt werden, die sich in der Mitte kreuzen und dort ein Quadrat ausbilden. Hier verwendet Morellet Bleistift.
In der Entwicklung der Serie werden auf der schwarz-weißen Seite die weißen Quadrate immer kleiner und zugleich immer mehr, da weitere schwarze Linien hinzutreten und dabei immer enger nebeneinander zu liegen kommen. Im Gegensinn gesehen, breitet sich der schwarze Grund zunehmend aus, bis er in der letzten der acht Graphiken das gesamte Blatt beansprucht, so daß kein weißes Quadrat mehr zu sehen ist. Die Struktur der weißen Quadrate zwischen breiten schwarzen Linien verdichtet sich also von Blatt zu Blatt.
Der imaginäre Prozeß kann auch auf der anderen (Bleistift-)Seite mitverfolgt werden, wo schon bei der ersten Graphik das Quadrat, das sich in der Mitte beim Überschneiden der nachgezeichneten Kanten ausbildet, angibt, welche Flächen auf der anderen Seite schwarz sind. Es ist auch in den folgenden Blättern das Modul zur Markierung der Flächen, die auf der anderen Seite schwarz sind.
Die übrigen Quadrate und Rechtecke, die sich aus den überschneidenden Kanten ergeben, variieren in Größe und Proportion. In einem dieser mit Bleistift gezeichneten Raster ergibt sich, wegen der gleichen Breite von Linien und Quadraten auf der anderen Seite, eine gleichmäßig Quadrierung, 15 x 15 Quadrate. Es erweckt den Eindruck eines karierten Blockes und wird dergestalt im letzten Blatt, auf der Rückseite der vollkommen schwarzen Seite, logischerweise noch einmal wiederholt.
Die Serie der acht Graphiken ist nach Ende von Morellets Mitgliedschaft in der Künstlergruppe GRAV (Groupe de recherche d’art visuel, 1960–68) entstanden. Wie seine Künstlerfreunde hat auch er versucht, mit einem Minimum an formaler Gestaltung eine größtmögliche Irritation der optischen Wahrnehmung auszulösen – um den Betrachter die Augen zu öffnen und sein Sehen zu schärfen.
YVONNE SCHEJA  

1 Kat. der Ausst. François Morellet. Nationalgalerie Berlin, Staatliche Museen Preußischer Kulturbesitz, Berlin 1977.

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