Sammlung

Frank Stella

* 12. Mai 1936 in Malden, USA; lebt in New York City, USA

Werke in der Städtischen Sammlung Erlangen

  • Black Series II, 1967

Beschreibung

Mappe mit acht Lithographien auf Barcham Green-Radierpapier
Maße: jeweils 38 x 56 cm
Signatur, Datierung, Nummerierung: jeweils signiert, datiert und nummeriert rechts unten
Exemplar-Nummer: 19/100
Druck und Verlag: Gemini G. E. L., Los Angeles
Inventar-Nummer: 1001228.1–8

 

„What you see is what you see.“ (Frank Stella, 1966) 1 
Zwischen 1958 und 1960, zu Beginn seiner Künstlerkarriere, hatte Frank Stella 24 bis zu drei Meter hohe schwarze Gemälde, die Black Paintings, geschaffen. In Black Series II gibt er acht dieser Gemälde – Gezira, Tuxedo Park, Point of Pines, Zambesi, Jill, Delphine and Hippolyte, Gavotte und Turkish Mambo – in kleinem Format graphisch wieder und ermöglicht dem Betrachter, die Bilder zu vergleichen und die übergeordnete Struktur zu erkennen2. Die Einzelbilder der beiden Black Series sind Variationen eines übergreifenden Themas; in Black Series I sind es konzentrische Rechtecke, in dieser Serie ist es der Diamantschnitt, also konzentrische Rauten, deren Prototyp auf dem fünften Bild (Jill) am deutlichsten zu sehen ist. Anders als bei Black Series I, benutzt Stella für den Druck von Black Series II reinweißes Radierpapier und schwarze Lithographietusche von Charbonnel, um „die aggressivere optische Qualität, die den Diagonalstreifen anhaftet“3 zu betonen.
An den Drucken ist der optische Effekt von Stellas Black Paintings besonders deutlich wahrnehmbar: Betrachtet man die Bilder eine Weile, entstehen zwischen den schwarzen und weißen Streifen immer neue Kombinationen und Bezüge, Formen und räumliche Gebilde, die allerdings durch die menschliche Wahrnehmung bedingt sind, de facto bestehen sie nur aus schwarzen Streifen auf weißem Grund.4 Die Bildtitel verweisen nicht auf einen tieferen Sinn – sie bezeichnen lediglich die Lage oder die Bewohner von Appartements, in denen Stella als Anstreicher tätig gewesen war.5 Stella wandte sich damals radikal vom Illusionismus und jeder Referenz des Bildes ab, sogar die Komposition in der abendländischen Tradition der Kunst lehnte er als hemmende Konditionierung ab. Dieser Schritt zur nicht-relationalen Kunst gelang ihm durch den Verzicht auf Farbe und Figur. In der Beschränkung auf die Nicht-Farbe Schwarz und die gleichmäßige und vollständige Bedeckung der Leinwand mit den schwarzen Streifen („make it the same all over“ 6) werden die Streifen ebensowenig als Figur empfunden wie ihre schmalen, farblosen Zwischenzonen als Hintergrund. Stella verzichtet nicht nur auf Bezüge zur äußeren Welt, auch die möglichen Beziehungen innerhalb der Bilder – zwischen Formen und Farben oder zwischen Figur und Grund – sind eliminiert. Einzelnes und Ganzes sind gleichwertig. Die Black Paintings müssen eher als Objekte bezeichnet werden: die Überwindung der Malerei mit den Mitteln der Malerei.7
Trotz des Fehlens jeglicher Referenz lassen sich räumliche Gebilde, sogar Bewegung, Farbe oder sublime Empfindungen wahrnehmen: Der Mensch ist darauf konditioniert, in allem einen Sinn, eine Ordnung zu finden, so daß es ihm fast unmöglich ist, ein Objekt zu betrachten, das keinen Sinn haben will. Das war Stella bewußt, und so verweisen seine Bildtitel immer öfter auf die Absurdität und die dunklen Seiten des Daseins.8 Formale Bezüge gibt es nur noch zwischen den einzelnen Werken innerhalb der Serie: Geht man von Jill als zentralem Bild, als Prototyp der Black Series II aus, so stellt Tuxedo Park eine Doppelung nach oben dar, in Gezira ist oben und unten ein halber Prototyp angesetzt, Point of Pines zeigt nur den oberen Teil des Prototyps, das Bildzentrum liegt am unteren Bildrand, in Zambesi ist der Focus zur Seite verschoben, so daß die Zentren an den vier Seitenmitten liegen, und in Delphine and Hippolyte ist der Prototyp zur Seite gedoppelt. Die Bilder der Black Series II erscheinen wie individuelle Ausschnitte eines einzigen unendlichen Rapports, der ihre Lesbarkeit bewußt verweigert und auf nichts Bezug nimmt als auf sich selbst und – augenzwinkernd – auf die Absurdität der menschlichen Existenz, die ebenso wenig lesbar ist.
ANJA SIMON  

1 Frank Stella, zit. nach: Bruce Glaser, Questions to Stella and Judd, Art News Vol. 65, No. 5. September 1966, S. 59.
2 Während die Black Paintings keinen Rand aufweisen, sind die Bilder der Black Series II einfach links unten auf das jeweilige Blatt aufgedruckt.
3 „the more aggressive optical qualities inherent in the diagonal striping“. Richard Axsom, The Prints of Frank Stella. A Catalogue Raisonné. 1967–1982, New York 1983, S. 48; dort Wv. Nr. 13–20.
4 Bei den Black Paintings beträgt die Streifenbreite stets exakt 3 inch (ca. 7 cm), die Breite des Pinsels, den Stella benutzte. Vgl. Gottfried Boehm, Bild-Dinge. Stellas Konzeption der black-paintings und einige ihrer Folgen, in: Kat. der Ausst. Frank Stella. Werke 1958–1976, Kunsthalle Bielefeld/Kunsthalle Tübingen 1977, S. 9–19, S. 13.
5 Vgl. Kat. der Ausst. Frank Stella, hrsg. v. Alfred Pacquement, Musée national d’art moderne, Paris 1988, S. 32.
6 Frank Stella, zit. nach: William S. Rubin, Frank Stella, in: Kat. der Ausst. Frank Stella, Museum of Modern Art New York 1978, S. 21.
7 Vgl. Boehm 1977, S. 11.
8 Z. B. Bezüge auf die absurde Literatur von Beckett, Camus und Sartre und auf Gedichte von Blake (The Marriage of Heaven and Hell), auf Katastrophen (Morro Castle), Nationalsozialismus (Reichstag) oder Jazz (Turkish Mambo, Tuxedo Juction), vgl. Kat. Stella 1988, S. 32.

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