Sammlung

John Baldessari

* 17. Juni 1931 in National City, USA; lebt in Santa Monica, USA

Werke in der Städtischen Sammlung Erlangen

  • A Suite of Five Lithographs for Tristram Shandy, 1988

Beschreibung

Mappe mit fünf Lithographien auf Bütten
Maße: 42 x 74,5 cm; 63 x 57 cm; 75 x 51,7 cm; 56,5 x 69,2 cm; 57 x 70 cm
Signatur, Datierung, Nummerierung: signiert rechts unten, nummeriert links unten
Exemplar-Nummer: 44/50
Druck: Donald Farnsworth und Rick Dula
Herausgeber: Magnolia Editions, Oakland
Verlag: The Arion Press, San Francisco
Inventar-Nummer: 1002450.1–6
Abbildung: Blatt 2

 

„Als ich den Tristram Shandy las, dachte ich, mein Gott, der Mann ist wie du. Der springt von einer Form zur anderen."1 Das skurrile neunbändige Werk des englischen Schriftstellers Laurence Sterne Das Leben und die Meinungen des Tristram Shandy, Gentleman (1759–67) kommentierte John Baldessari 1988 mit 39 Photocollagen.2 Tatsächlich haben beide Künstler einiges gemeinsam. Baldessari möchte durch Kombination von Photographie, Malerei und sprachlichen Elementen assoziative Vorgänge beim Betrachter auslösen, sie lenken, aber auch befragen, Sternes sprunghafte Erzählweise scheint einer assoziativen Gedankenverbindung zu entsprechen.
Neben Sterne wirkt Baldessaris Kunst fast schon komisch, obwohl er selbst sagt: „Ich versuche niemals komisch zu sein. Es ist bloß eine bestimmte Art und Weise, die Dinge zu betrachten. Oder zu versuchen, die Dinge nicht zu übersehen."3 Aber auch in Sternes Buch mit autobiographischen Zügen liegen Ernst und Komik nah beieinander, wenn der Ich-Erzähler Tristram Shandy sein vermeintlich mißlungenes Leben ausbreiten will und die Umstände dafür schuldig macht, die er ausführlich schildert. So sind der Inhalt des Buches abschweifende Anekdoten und die fixen Ideen der verschiedenen Romanfiguren.
Die abgebildete Lithographie The Promontory of Noses (deutsch: Das Vorgebirge der Nasen) nimmt auf eine konkrete Textstelle Bezug (Buch IV, Kapitel 0, S. 237) und greift ein Thema auf, das durch die Figur von Tristrams Vater eingebracht wird. Dieser verliert sich in ständigen Theoretisierungen und Hypothesenbildungen, die sich aber in der praktischen Umsetzung kein einziges Mal bewähren. Eine dieser spleenigen Theorien ist die „Nasentheorie", wonach er zwischen der Länge der Nase und gesellschaftlichem Erfolg einen Zusammenhang sieht. Ausgiebig beschäftigt er sich mit einer Studie über die Ursachen von langen und kurzen Nasen, deren wissenschaftlicher Ernst nicht einer gewissen Komik entbehrt. Die Zweideutigkeit dieser These liegt auf der Hand und wird noch verstärkt, indem ebendies immer wieder mit Nachdruck abgestritten wird. Baldessari unterstreicht den zweideutigen Aspekt noch, indem er ein Schwarz/Weiß-Photo verwendet, das zwei nackte Frauen auf einem Felsen posierend zeigt, der durch eine rote Umrißlinie als Nase kenntlich gemacht wird. Beschreibt Sterne Vorgeschichten und Nebensächlichkeiten derart detailreich, daß man als Leser andauernd, doch erfolglos, darauf wartet, daß der Autor doch endlich „auf den Punkt komme", so sind im Bild Baldessaris einige der aussagekräftigsten Motive, die Gesichter der Frauen, durch kreisrunde farbige Punkte überdeckt. Während Sterne seine Figuren zu ganz individuellen Persönlichkeiten ausbildet, macht Baldessari sie zu Typen.4 Durch das „Auslassen wesentlicher Information"5, eine der Leitlinien in Baldessaris Kunst, will er den Blick für Nebensächliches und die Umgebung schärfen, er will dem Betrachter „nicht das geben, was er möchte, sondern ihn zwingen über das nachzudenken, was da ist."6 Die Spannung zwischen der im Schwarz/Weiß-Photo abgebildeten dreidimensionalen Wirklichkeit und den zweidimensionalen farbigen Kreisflächen, also zwischen sichtbaren Dingen und dem Nichtsichtbaren, verunsichert und provoziert einen zweiten Blick. Gerade die verdeckten Stellen ziehen die Aufmerksamkeit an und lassen den Betrachter spekulieren. Ähnliches bringt dieSekundärliteratur zu Tristram Shandy auf den Punkt: „Nicht die Dinge selbst verunsichern die Menschen, sondern die Meinungen zu den Dingen."7
SARAH WITTIG

1 John Baldessari, zit. nach: Kat. der Ausst. Baldessari. While something is happening here, something else is happening there. Works 1988–1999, Sprengel-Museum Hannover / Staatliche Kunstsammlungen Dresden, Köln 1999, S. 25.
2 In Verbindung mit dieser Ausgabe des Tristram Shandy wurde auch unsere Suite of Five Lithographs herausgegeben.
3 John Baldessari, zit. nach: Kat. der Ausst. John Baldessari. Life's Balance. Werke 84–04, hrsg. v. Peter Pakesch, Kunsthaus Graz am Landesmuseum Johanneum, Köln 2005, S. 99.
4 Vgl. Kat. Baldessari 2005, S. 62 ff.
5 Vgl. Kat. Baldessari 2005, S. 84.
6 John Baldessari, zit. nach: Kat. der Ausst. John Baldessari: Somewhere between almost right and not quite (with orange), Deutsche Guggenheim Berlin, Ostfildern-Ruit 2004, S. 54.
7 Joachim Blum, Things and Opinions in Tristram Shandy, Trier 2001, S. 67.

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