Sammlung

Nan Goldin

* 12. September 1953 in Washington, D.C., USA; lebt in New York City, USA

Werke in der Städtischen Sammlung Erlangen

  • Sequences Portfolio (Alf and Fritz / Volcano), 1998

Beschreibung

Drei Photographien (Ilfochrome)
1: Alf Bold Dead, August 18, 1993
2: Stromboli at Dawn, Naples 1996
3: Fritz Five Days Old, August 18, 1993
Maße: jeweils 40 x 50 cm
Signatur, Datierung, Nummerierung: signiert auf Blatt 3 verso rechts unten, jeweils nummeriert rechts unten
Exemplar-Nummer: 57/60
Verlag: Edition Schellmann, München/New York
Inventar-Nummer: 1002531.1–3

 

Wie die Erinnerung an Verwandte und Freunde in einem Familienalbum bewahrt wird, hält die amerikanische Künstlerin Nan Goldin ihr Leben und das der Menschen, die ihr nahe stehen und nahe standen, durch schonungslose und eindringliche, professionell gemachte Photographien fest. Mit ihrer Hilfe versucht sie traumatische Ereignisse eines exzessiven Lebens, vor allem den Verlust durch Tod, zu verarbeiten.1
Der enthemmte Genuß von Alkohol und Drogen, das Ausleben der Sexualität, welche die frühen 80er Jahre in New York bestimmten, haben ihre Folgen. Zunächst sitzen die Freunde noch zusammen und amüsieren sich aufgrund eines Artikels über den damals noch unbekannten HI-Virus in der „New York Times“, den Cookie Mueller vorliest. Gerade sie, eine der engsten Freundinnen und häufigen Modelle Nan Goldins, stirbt wenige Jahre später an Aids. Doch Cookie ist nicht die einzige. Nan Goldin muß mit ansehen, wie einige ihrer Freunde aus dem Milieu der Bars und Clubs, der Prostitution und der so genannten „Drag Queens“ sterben. Im Jahre 1991 verläßt Nan Goldin die Vereinigten Staaten und geht nach Europa. Sie will ihrem deutschen Freund Alf Bold aus Berlin in den letzten Tagen seines Lebens zur Seite stehen. Auch er ist an dem Virus erkrankt und Goldin kümmert sich um ihn. „He had nobody to take care of him. I mean, he had lots of famous friends, but he had nobody to take care of him on a daily basis.“2 Hier wird die Einsamkeit deutlich, von der ein Großteil der HIV-Infizierten und Drogensüchtigen betroffen ist, die sich anfangs noch bewußt von der Gesellschaft distanzieren wollten und später als Randgruppe ausgeschlossen wurden. Die erste Photographie der dreiteiligen Arbeit zeigt Alf bereits tot, gestorben an den Folgen des HI-Virus. Er liegt bis zum Hals bedeckt von einem weißen Laken und einer gelben Rose darauf in einem Krankenhausbett. Stille und Einsamkeit vermittelt die photographische Darstellung. Das Entstehungsdatum, der 18. August 1993, fällt mit dem des dritten Bildes von dem fünf Tage alten Fritz zusammen, der im Schoß seiner Mutter liegend verschlafen in die Kamera schaut. Der Kopf der Frau ist nicht sichtbar. Die blaugefleckten Beine, die durch einen knappen Rock nur halb verdeckt sind, bilden ein schützendes Nest für das Neugeborene. Man denkt an das kühle Metallgestell des Krankenhausbettes, in dem Alf liegt. Zwei Stationen der menschlichen Existenz werden hier einander gegenübergestellt, der Eintritt in das Leben durch die Geburt und das Verlassen durch den Tod. Beide Ereignisse gehören zusammen und sind von der Natur vorgegeben. Für den Menschen bleiben sie ein Mysterium. Die Landschafts-Photographie gibt der realistischen Arbeit etwas Metaphysisches. Die Aufnahme des Vulkans bei Sonnenaufgang betont die Nähe von Leben und Tod, Ursprung und Zerstörung. Eine Existenz erlischt, doch gleichzeitig entsteht etwas Neues, in einem ewigen Kreislauf. Obwohl die Serie mit der Darstellung eines Toten beginnt, erscheint ein Lichtstrahl am Horizont.
JARI ORTWIG  

1 Kat. der Ausst. Nan Goldin, I’ll be your mirror, Hrsg.  Elisabeth Sussmann und David Armstrong, Whitney Museum of American Art, New York, Zürich 1996, S. 279.
2 Nan Goldin im Interview mit Adam Mazur, 13.2.2003.

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