Sammlung

Per Kirkeby

* 1. September 1938 in Kopenhagen, Dänemark; lebt in Kopenhagen, Dänemark, Frankfurt/Main und Arnasco, Italien

Werke in der Städtischen Sammlung Erlangen

  • 10 illustrationer, 1981

Beschreibung

Zehn Radierungen auf 250g Zerhall Bütten
Maße: jeweils 38 x 32 cm
Signatur, Datierung, Nummerierung: jeweils signiert und datiert rechts unten, nummeriert links unten
Exemplar-Nummer: 1/10
Druck: Niels Borch Jensen, Kopenhagen
Herausgeber: Niels Borch Jensen und Susanne Ottesen, Kopenhagen
Verlag: Maximilian Verlag, München
Inventar-Nummer: 1001028.1–10
Abbildung: Blatt 2

 

Expressionistisch wirkende schwarze Striche überziehen die Graphiken, so daß kaum ein Motiv zu erkennen ist. Schaut man jedoch intensiver, meint man bewegte Figuren zu sehen, die Erinnerungen an Mantel- und Degenfilme heraufbeschwören. Tatsächlich hat Kirkeby hier eine der Musketiergeschichten illustriert. Basierend auf dem Jugendbuch „Musketerens Ætling“ (Der Sohn des Musketiers) nach Alexandre Dumas’ „Le Vicomte de Bragelonne“, auf das er in einem Kopenhagener Antiquariat gestoßen war, gestaltete er diese geheimnisvollen und düsteren Radierungen.1
Der Sohn des Musketiers Athos, Vicomte Raoul de Bragelonne, der im Dienste des Königs Louis XIV steht, ist verliebt in Louise de la Vallière, die zwar seine Liebe erwidert, jedoch Verrat an ihm begeht und zur Mätresse des Königs wird. Raoul stürzt sich, verzweifelt über Louises Verrat, im Kampf in den Tod. Mit dieser Geschichte vor Augen schuf Kirkeby Figuren als dunkle Silhouetten, die sich aus dem Chaos des Bildgrundes herauslösen und zum Leben erwachen.2 In der zweiten Radierung dieser Serie meint man im Vordergrund Louise zu erkennen, die sich abwendet von zwei Männern, wohl Raoul und Louis XIV, hinter denen noch eine zur Fratze verzogene Figur erscheint. Die Radierung wirkt durch die schwungvolle Pinselführung sehr bewegt, man fühlt sich emotional in das Bild hineingezogen. Kirkeby setzt, wie er selbst sagt, gefühlsmäßige Elemente mit Kitsch gleich. Doch in jedem bedeutenden Kunstwerk müsse eine Portion Kitsch enthalten sein, das sei absolut notwendig.3 Kein Wunder also, daß er daran Gefallen gefunden hat, diese sentimentale Liebesgeschichte bildnerisch umzusetzen. Schon während der 1960er und 70er Jahre setzte Kirkeby sich in seinem Werk mit Comics und Illustrationen auseinander und nahm sie als Vorlagen für seine Malerei, die sie aus ihrem Kontext riß und in neue Zusammenhänge brachte. Kirkeby sagt von sich selbst, daß er etwas brauche, wonach er malen kann4 und sieht einen Vorteil darin, daß Comics beziehungsweise Illustrationen „irgendwo zwischen Erzählung und Abstraktion (…) liegen, weil sie keine naturalistisch-visuelle Kunst sind, sondern eine hochstilisierte Kunst“5.
Das bei einer ersten Betrachtung von 10 illustrationer entstehende Gefühl der Undurchdringbarkeit des Dunkels, das sinnbildlich für die Tragik der dargestellten Geschichte steht, erklärt sich vielleicht aus der Weltsicht des nordischen Künstlers, der die Welt hinter einem Nebelschleier verborgen sieht. „Und dieser Vorhang besteht aus unserer Sprache. Die Sprache ist ein sehr praktisches Mittel, um sich hier in der Welt zurechtzufinden.“6 Wenn man Verständnis für die Bildsprache des Künstlers entwickelt und den nordischen Nebel durchbrochen hat, entdeckt man auch die Freude wieder, die Musketiergeschichten in jungen Jahren wohl geweckt haben. Kirkeby nimmt hier die visuelle Unschuld und den starken Eindruck, den Comics und Illustrationen von Kinder- und Abenteuergeschichten bei ihm hinterlassen haben und setzt so sentimentale Inhalte im Konflikt zwischen Hell und Dunkel in Kunstwerke um. Das Kopfkino beginnt …
NADJA GEBHARDT  

1 Laut Niels Borch Jensen in einer E-Mail an die Autorin vom 9. Juni 2005.
2 Vgl. Troels Andersen, Kirkeby. Werkverzeichnis der Radierungen 1977–1983, Bern 1986, S. 5. (Wv.-Nr. 199–209).
3 Vgl. Kirkeby in: Kirkeby im Gespräch mit Siegfried Gohr, Kunst heute Nr. 13, Köln, 1994, S. 69.
4 Per Kirkeby, Bravura, Bern/Berlin, 1984, S. 14.
5 Per Kirkeby im Gespräch mit Poul Erik Tøjner, 9. April 2002 in: Per Kirkeby – 122 x 122 – Gemälde auf Masonit, hrsg. v. Ulrich Wilmes, Museum Ludwig, Köln 2002, S. 8.
6 Ebd., S. 47.

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