Sammlung

Sherrie Levine

* 17. April 1947 in Hazleton, USA; lebt in New York City, USA

Werke in der Städtischen Sammlung Erlangen

  • Barcham Green Portfolio, 1986

Beschreibung

Mappe mit fünf Blättern, Aquatinta/Heliogravüre auf Bütten
Maße: jeweils 79,5 x 58,2 cm
Signatur, Datierung, Nummerierung: jeweils verso signiert rechts unten
Exemplar-Nummer: 3/25
Inventar-Nummer: 1002282.1–5

 

„Anstatt Photos von Bäumen oder Akten zu machen, mache ich Photos von Photos. (…) Ich eigne mir diese Bilder an, um mein eigenes gleichzeitiges Bedürfnis nach leidenschaftlicher Engagiertheit und erhabener Unbeteiligtheit zum Ausdruck zu bringen.“1
Was auf die Photoarbeiten der Künstlerin zutrifft, läßt sich auf ihr gesamtes Werk übertragen. Sherrie Levines Arbeiten beschäftigen sich im Sinne der Appropriation Art mit der photographischen, malerischen und plastischen Reproduktion von Kunstwerken. In dieser Kunstrichtung wird stets vermeintlich Bekanntes simuliert. Dabei gilt es, das Motiv nicht zu verändern, während Format, Technik und Farbe in ihrer gesamten Vielfalt eingesetzt werden können. Photos werden photographiert, Gemäldekopien angefertigt, Kunstwerke aus ihrem ursprünglichen Umfeld in einem neuen Kontext reproduziert.2 Mit strategischer Überlegung kopiert Levine die Werke anderer Künstler, wobei der Schwerpunkt ihrer Arbeit auf dem Akt des Kopierens und auf dem Resultat liegt. So kommt es vor, daß sie Reproduktionen ihrer eigenen Reproduktionen anfertigt und diese dann ihrerseits zum Original werden.
In der Serie Barcham Green Portfolio nimmt die Künstlerin Bezug auf bereits vorangegangene, eigene Arbeiten aus unterschiedlichen Serien und versetzt diese Bilder in eine neue Serialität. Das erste Blatt zeigt eine streng geometrische Komposition mit zwei unterschiedlich großen Quadraten. Das kleinere, schräg nach rechts gekippte Quadrat wird durch ein im Lot stehendes, großes Quadrat überfangen. Das Motiv ist eine Reproduktion des Werkes After Kasimir Malevich von 1984.3
Auf dem zweiten Blatt ist das Porträt einer jungen Frau in frontaler Ausrichtung zum Betrachter zu sehen. Die Schwarz/Weiß-Aufnahme nimmt Bezug auf eine Arbeit Levines mit dem Titel After Walker Evans aus dem Jahr 1981.4 Die Künstlerin kopierte, rahmte und präsentierte insgesamt 22 Photos von Walker Evans in einer Ausstellung. Auch das Motiv der jungen Frau befand sich darunter. Die Darstellung des dritten Blattes spielt mit der Illusion einer Holzplatte, die von vier „Astknoten“ durchbrochen wird. Das gleiche Motiv verwendete Levine 1985 in ihrer Serie Gold Knots,5 deren Ausführung aus echten Sperrholztafeln bestand. Die „Astknoten“, eigentlich Holzintarsien, waren dort mit Goldfarbe bemalt.
Das vierte Blatt des Barcham Green Portfolio ist das einzige ohne Verweis auf einen Künstler. Zu sehen sind sechs vertikale Streifen. Beginnend mit einem hellen Streifen am linken Bildrand wechseln sich anschließend helle und dunkle Farbe miteinander ab. Das Blatt erinnert an die Zeit Mitte der 80er Jahre, als Levine mit der Malerei begann und bevorzugt Streifen-Bilder, Schachbretter und Winkel malte.6
Das fünfte und letzte Blatt zeigt die Silhouette eines Mannes, der im Profil zu sehen ist und zum linken Bildrand hinausblickt. Das Motiv greift eine frühe Arbeit der Künstlerin auf. 1976/77 schuf sie mit Sons and Lovers eine aus 35 Zeichnungen bestehende Serie,7 die Porträt-Silhouetten verschiedener Personen in unterschiedlicher Größe umfaßt.
Das Barcham Green Portfolio kann als Querschnitt durch Levines Werk angesehen werden. Die Künstlerin vergegenwärtigt damit aufs Neue das Konzept ihrer Arbeit, die Appropriation. „Indem Levine solche Bilder malt, erweist sie einerseits bestimmten Künstlern die Ehre und stellt andererseits zugleich klar, daß andere Künstler nach Belieben über deren Werk verfügen können.“8 Durch das Wiederaufgreifen ihrer eigenen Arbeiten zollt sie nicht nur den ursprünglichen Künstlern erneut Tribut, sondern auch sich selbst und ihrem Anspruch, durch ein tautologisches Verfahren ein Lebensgefühl der postmodernen Konsumgesellschaft zum Ausdruck zu bringen.
MONIKA ULIARCZYK  

1 Kat. der Ausst. Sherrie Levine, Hrsg. Bernhard Bürgi, Kunsthalle Zürich, Zürich 1991, S. 25.
2 Vgl. Romana Rebbelmund, Appropriation Art, die Kopie als Kunstform im 20. Jahrhundert (Europäische Hochschulschriften Kunstgeschichte 347), Frankfurt a. Main 1999, S. 137 f.
3 Vgl. Kat. Levine 1991, S. 90.
4 Ebd., S. 82.
5 Ebd., S. 28.
6 Ebd., S. 34.
7 Ebd., S. 26.
8 Ebd., S. 38–39.

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