Cyrill Lachauer. The Sunset Route
feat. Mike Brodie, Mouse Green, Rhyw, Katja Schmidt, Mia Justice Smith, Moritz Stumm
Die Landschaft als sprechender, mit Bedeutungen aufgeladener Raum ist ein Bezugspunkt, zu dem Cyrill Lachauer (* 1979 im Inntal, DE) in seinem fotografischen und filmischen Werk immer wieder zurückkehrt. Mit ausgeprägtem Gespür für historische und politische Zusammenhänge bereiste Lachauer über Jahre hinweg die USA, Mexiko und Bosnien. Die Ausstellung The Sunset Route im Kunstpalais versammelt Arbeiten, die zwischen 2020 und 2026 entstanden sind und in Form einer poetischen Autoethnografie drängende Fragen behandeln: nach Freiheit, Selbstbestimmtheit und Widerständigkeit, aber auch Kolonisation, Ausgrenzung und Ausbeutung. Im Zentrum steht dabei Lachauers Idee der „erzählenden Landschaften“ – Orte, die Menschen, lokale Kulturen, Geschichten, Objekte und physische Gegebenheiten umfassen. Darin lotet Lachauer die Möglichkeiten eines Sprechens mit und nicht über diese Räume aus.
Der Titel The Sunset Route bezieht sich auf die gleichnamige, über 3.000 Kilometer lange Eisenbahnstrecke, die im Süden der USA das Landesinnere mit der Pazifikküste verbindet. Seit dem Ende des 19. Jahrhunderts reisen Hobos (Wanderarbeiter*innen) und andere "transient people" (Menschen ohne festen Wohnsitz) auf dieser und anderen Routen auf Güterzügen durch Nordamerika. Lachauer begann 2019 selbst als "train hopper" das Land zu durchqueren. Aus dieser Phase entwickelte sich das Filmprojekt Slack, an dem Lachauer mit dem US-Fotografen Mike Brodie von 2022 bis 2025 arbeitete. Die Arbeit setzt Brodies jung verstorbener Partnerin Mia Justice Smith alias Slack ein Andenken, das zugleich sinnbildlich für eine durch die Fentanyl-Krise, soziale Medien und persönlichen Freiheitsdrang geprägte Generation steht.
Die beiden neuen und erstmalig gezeigten Kurzfilme The Prologue, 2026, (Cyrill Lachauer in Zusammenarbeit mit Rhyw) und The Epilogue, 2026, (in Zusammenarbeit mit Mouse Green und Moritz Stumm), ergänzen Slack im Sinne einer losen Trilogie. Sie stehen einzeln für sich, sind aber durch das Eisenbahnmotiv thematisch verbunden. The Prologue nimmt Züge aus der Zeit des Nationalsozialismus in den Fokus, die in den Kohleabbaugebieten Bosniens noch immer zum Einsatz kommen, während The Epilogue in Mexiko entlang der Migrationsrouten auf Güterzügen in die USA gedreht wurde.
Die Ausstellung vermittelt ebenfalls einen vertieften Einblick in Lachauers fotografisches Werk. Die umfangreichen Serien Cardboard & Copenhagen, 2026 und Birds (Nat. Geo. 1989–1999), 2022, basieren auf unterschiedlichen Konzepten und spielen mit einer je ganz eigenen Ästhetik. Cardboard & Copenhagen wurde ausschließlich mit Einwegkameras aufgenommen und gibt entsprechend wie beiläufig Momente aus dem Leben auf den Güterzügen wieder – ständig unterwegs und nur vorübergehend auf Pappe zur Ruhe kommend. Für die Birds-Serie fügte Lachauer Landschaftsaufnahmen aus einer Dekade des Magazins National Geographic zu Collagen in Form eines abstrahierten Vogel-Kopfes zusammen. Sie dokumentieren Schönheit und von Menschen verantwortete Zerstörung von Natur, verkörpern zugleich aber auch Symbole der Hoffnung und des Widerstands.
Lachauers Fotoserien und Filme kommen im Kunstpalais installativ zusammen. Einzelne Elemente aus den mehrteiligen Kunstwerken werden im Sinne einer Gesamterzählung neu arrangiert und mit ortsspezifisch geschaffenen Arbeiten kombiniert. Diese Vorgehensweise, die bereits in früheren Ausstellungen Anwendung fand, stellt ein charakteristisches Merkmal von Lachauers Präsentationen dar.
Die Ausstellung ist eine Zusammenarbeit der Sammlung Goetz in München mit dem Kunstpalais und wird kuratiert von Susanne Touw und Malte Lin-Kröger.
Slack wurde von der Sammlung Goetz produziert sowie von Videoart at Midnight Productions und Flipping the Coin co-produziert. The Prologue wurde von der Sammlung Goetz und der Autotelic Foundation produziert. The Epilogue wurde von der Sammlung Goetz produziert.
Die in der Ausstellung gezeigten Arbeiten wurden gefördert von: Berlinische Galerie - Landesmuseum für Moderne Kunst, Jan Fischer, Kunststiftung Ingvild und Stephan Goetz, Ulrich und Nathan Köstlin, Medienboard Berlin-Brandenburg, Ingeborg Neumann, Sammlung R, Konrad-Adenauer-Stiftung, Scumeck Sabottka
Studioproduktion und ausführender Produzent Nils Petersen / Flipping the Coin, Berlin
Abb.: Cyrill Lachauer, Slack, 2025, S16mm-Film, übertragen auf 2K-Video, 61:06 Minuten, Farbe, 5.1 Stereo-Sound