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07.07.–31.07.2021

Digitale Entwurfsausstellung zum Kunst-am-Bau-Wettbewerb BBGZ

Anke Steinert-Neuwirth begrüßt zur Ausstellung der Entwürfe des Kunst-am-Bau-Wettbewerbs BBGZ

 

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Am 10. und 11. Juli 2021 sind die eingereichten Wettbewerbsentwürfe im Bürgersaal der Stadtbibliothek Erlangen auch analog zu sehen!

 

Ausstellungszeitraum: 10.07.2021 | 10 - 18 Uhr & 11.07.2021 | 10 - 18 Uhr, Eintritt frei. Ausstellungsort: Bürgersaal der Stadtbibliothek Erlangen. Wir freuen uns auf Ihren Besuch!

 

Das entstehende Bürger-, Begegnungs- und Gesundheitszentrum (BBGZ)

 

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BBGZ – Visualisierung der Gesamtanlage des BBGZ. Grafik: Behnisch Architekten

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BBGZ – Blick von der Hartmannstraße auf die Vierfachsporthalle. Grafik: Behnisch Architekten

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BBGZ – Blick von der Hartmannstraße auf Seite und Rückseite der Vierfachsporthalle. Grafik: Behnisch Architekten

 

Kunst-am-Bau-Wettbewerb zum BBGZ

 

Für die Entwicklung von Kunst-am-Bau-Entwürfen für das BBGZ wurden nach einer Vorauswahl insgesamt zehn Künstler*innen zu einem anonymisierten Kunst-am-Bau-Wettbewerb eingeladen. Die Beteiligten waren: 

Alona Rodeh, Berlin | Andreas Oehlert, Fürth | Dellbrügge & de Moll, Berlin | Julius von Bismarck, Berlin | M+M, München | Michael Sailstorfer, Berlin | Realities:united, Berlin | Schönfeld, Zeller & Moye, Berlin | Sebastian Kuhn, Fürth | Yarisal & Kublitz, Berlin

Die Beurteilung der Entwürfe durch die Jury erfolgte anhand folgender Kriterien: Künstlerische und gestalterische Qualität, Bezugnahme auf den Bau, Umsetzung der Aufgabenstellung, Innovationskraft, positive Konnotation sowie Realisierbarkeit.

Den Wettbewerb für sich entscheiden konnte am Ende das Werk 99% Wasser des Berliner Künstlers Julius von Bismarck.

Im Folgenden werden alle zehn eingereichten Kunst-am-Bau-Entwürfe für das BBGZ präsentiert. Gezeigt werden Fotos von den eingereichten Originalmodellen sowie eigens gefertigte Illustrationen der Künstler*innen. Die erläuternden Modellbeschreibungen der Künstler*innen ergänzen in gekürzter Form die Modellbilder. 

 

GEWINNERENTWURF

 

Julius von Bismarck: 99% Wasser

 

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Foto: Kilian Reil

Die Arbeit 99% Wasser ist eine Serie von neun aus Aluminiumguss gefertigten Skulpturen, die auf dem Gelände des BBGZ im Innen- und Außenbereich verteilt und zwischen 15 cm und 400 cm hoch sind. Die Skulpturen sind hochskalierte, detailgetreue Nachbildungen von Kristallen. Die genaue Geometrie dieser Kristalle wird durch den Schweiß von Einwohner*innen Erlangens bestimmt. Ihre Entstehung folgt einem partizipativen Ansatz, in den die Nutzer*innen der Gebäude mit einbezogen werden. Dazu sollen die Schweißtröpfchen der Mitglieder der Sportvereine Erlangens, die im BBGZ ihre sportliche Heimat finden werden, gesammelt und getrocknet werden. Der getrocknete Schweiß wird dann unter dem Mikroskop vergrößert, bis die auskristallisierten Überreste sichtbar sind. Ihre Form wird von der Zusammensetzung der Salze und Metalle, die mit dem Schweiß ausgeschieden werden, bestimmt. Wenn die Besucher*innen nach Fertigstellung die Anlage besuchen werden, können sie möglicherweise ihre eigenen Schweißkristalle sehen.

Schweiß wird bei Bewegung oder Sport vom menschlichen Körper freigesetzt und oft übersehen und ignoriert. Durch die Übersetzung der Schweißtröpfchen in visuelle und physische Objekte sollen die Skulpturen das Bewusstsein für die Spuren schärfen, die Menschen hinterlassen, und gleichzeitig die Schönheit dessen hervorheben, was Menschen gemeinsam schaffen können. So beschäftigt sich diese Arbeit mit dem Einwirken des Menschen auf die ihn umgebende Natur und die daraus entstehende Wechselwirkung zwischen organischen und anorganischen Stoffen in den Kreisläufen des globalen Ökosystems. Visuell findet diese Untersuchung Ausdruck in der Varianz der Größen der Skulpturen – die 100.000-fache Vergrößerung der humanen Kristalle schafft eine neue Vorstellung von Prozessen, die aufgrund ihrer Größe nicht sichtbar, aber essentiell für das Verständnis unserer Welt sind.

Da sich die Skulpturen an unterschiedlichen Orten im Außen- und Innenbereich des BBGZ befinden, werden die Besucher*innen insbesondere die kleineren Elemente ganz unerwartet antreffen. Somit verbinden die skulpturalen Elemente die Baukörper auch miteinander und tragen zur Wiedererkennung bei. Durch ihre Bezüge zu Außen- und Innenräumen gehen die Skulpturen eine Auseinandersetzung mit der Architektur ein.

Die Herstellung der Skulpturen erfolgt mit Aluminium, da Schweiß zu 99% aus Wasser und zu 1% aus Metallspuren besteht.

In einem zweiten Entwurf wurde auf mögliche Sicherheitsbedenken seitens der Bauverantwortlichen aufgrund der scharfen Kanten der ursprünglich geplanten Kristallskulpturen reagiert und die Kanten der Kristallobjekte in abgerundeter Form ausgearbeitet.

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Illustrationen: Julius von Bismarck

 

 

WEITERE WETTBEWERBSEINREICHUNGEN

 

Andreas Oehlert: flitzer

 

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Foto: Kilian Reil

Die Werkgruppe flitzer besteht aus sieben Skulpturen, die im Außenbereich vor den beiden Gebäudeteilen des BBGZ platziert werden und inhaltlich Bezug aufeinander nehmen. Fünf dieser Elemente sollen vor der Vierfachsporthalle installiert werden, zwei weitere auf dem Weg zum und vor dem Familienzentrum. Da sich die Skulpturen durch ihre Materialität, Farbigkeit und humorvolle Konnotation gedanklich miteinander verbinden, werden die Bürger*innen diese als wiederkehrendes Moment wahrnehmen. Die sieben Protagonisten der Werkgruppe flitzer begleiten die Besucher*innen bei ihrem Gang über das weitläufige Areal und verbinden die unterschiedlichen Gebäudeteile des BBGZ miteinander.

Inhaltlich sind alle sieben Skulpturen mit dem Thema Sport assoziiert, jedoch wird nicht das Leistungsprinzip, das häufig den sportlichen Wettkampf prägt, sondern der Gemeinschaftsgedanke in den Vordergrund gerückt. Durch ihre Skurillität und Situationskomik heben die Objekte die Frage nach Sieger*in oder Verlierer*in auf. Für das Motiv der Gemeinschaft wurden visuell eingängige Bildmetaphern gefunden, die für jeden Menschen unmittelbar verständlich und eindeutig positiv assoziiert sind. Alle Skulpturen besitzen ein anarchisches Moment, da sie ihre eigentliche Aufgabe humorvoll ad absurdum führen. So sind die Löcher einer Torwand von beiden Seiten mit (zu) dicken Strandbällen verstopft und eine blaue Turnmatte ruht schlapp auf sechs Gymnastikbällen und lädt zum Entspannen statt zum Aktivwerden ein. Ein Siegerpodest wird um 180 Grad gedreht, sodass alle drei Gewinner*innen auf der gleichen Höhe stehen, und ein Seil und ein Gymnastikreifen bilden eine feststehende Skulptur. Ein Basketballkorb ist unmittelbar mit dem Gebäude verbunden, indem das Netz eine der Säulen des Eingangsbereichs der Vierfachsporthalle umfasst und damit einen Korbwurf unmöglich macht. Ein roter Hüpfball wird in einem blauen Tornetz eingefangen, und zwei Turnringe schließlich, in denen mittig jeweils ein Tennisball schaukelt, sind wie Augen auf die Besucher*innen gerichtet.

Der Titel flitzer leitet sich von „Flitzern“ bei sportlichen Großveranstaltungen ab. Gemeint sind Menschen, die z. T. nackt über das Spielfeld laufen und die Besucher*innen gleichermaßen verwundern und zum Schmunzeln bringen. Er steht repräsentativ für ein positives Grundgefühl, das auch die Werkgruppe vermitteln soll. Sie will überraschen, erheitern und zur Identifikation mit dem Ort beitragen.

Alle Skulpturen werden aus Bronze gegossen und im Anschluss lackiert oder pulverbeschichtet. Die Fundamente werden aus Beton gegossen und fest im Boden verankert.

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Illustrationen: Andreas Oehlert

 

Michael Sailstorfer: Bürgerblock

 

Entwurf 1:

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Foto: Kilian Reil

Entwurf 2:

sailstorfer-4.JPGIllustration: Michael Sailstorfer

Unter dem Titel Bürgerblock soll eine interaktive Bronzeskulptur für das BBGZ in Erlangen geschaffen werden. Die Skulptur soll zentral vor dem Eingang der Vierfachsporthalle platziert werden. Im ersten Entwurf fußte das Bronzeelement auf einem zweistufigen Sockel. Dieser musste aus Gründen der Realisierbarkeit überarbeitet werden. Im überarbeiteten Entwurf bildet eine 6 x 6 Meter große, bodenbündige Fläche aus Fallschutzplatten, die auf dem Vorplatz des Familienzentrums ausgelegt werden und die Bronzeskulptur umgeben, die Grundlage für die Skulptur. Die Fallschutzplatten tragen zur Wahrnehmung der Skulptur maßgeblich bei. Sie nehmen Bezug auf die Nutzung des Areals mit seinen diversen Sportmöglichkeiten und erfüllen die erforderlichen Sicherheitsstandards, da der Bronzeblock potenziell bekletterbar ist.

Idee der Arbeit ist die Interaktion und das Mitwirken der Bürger*innen. Dazu sieht der Künstler eine Performance vor: Am Tag der Einweihung des BBGZ soll auf der Sockelebene ein 2 x 2 x 2 Meter großer Tonblock aufgestellt werden, in den zuvor sechs vom Künstler signierte und datierte Goldkuben im Wert von jeweils ca. 2.000 € eingearbeitet wurden. Dieser „Goldschatz“ ist von außen nicht zu erkennen. Unter Ankündigung der Einweihung des Kunstwerks wird die Existenz des „Goldschatzes“ öffentlich bekannt gegeben und die Bevölkerung Erlangens dazu aufgerufen, den „Schatz“ freizulegen, indem sie den Ton mit eigener Körperkraft umformt. Nach der Umformung durch die Erlanger*innen und der Freilegung der Kuben wird der Tonblock abtransportiert und in goldfarbenes Bronze gegossen. Das Ergebnis der Grabungsarbeiten der Bürger*innen zeigt sich als reliefartige Oberflächenstruktur. Die gemeinschaftlich gewonnene Skulptur wird dauerhaft auf dem Grundflächensockel etabliert.

Diese partizipative und zugleich performative Arbeit funktioniert getreu dem von Joseph Beuys postulierten Motto „Jeder Mensch ist ein Künstler“. Die Bürger*innen werden im Rahmen der Performance Teil des Kunstwerks. Der Gedanke des Austausches, Dialogs und der Begegnung, der dem Standort zugrunde liegt, wird in der Kunst am Bau aufgegriffen und auf die Spitze getrieben. Die medienwirksame Performance zur Entstehung generiert ein hohes Maß an Aufmerksamkeit in Erlangen und über die Region hinaus und schafft ein identitätsstiftendes Kunstwerk mit großem Wiedererkennungswert. Durch die präsente Platzierung vor dem Haupteingang entfaltet das Werk eine Signetwirkung, sie wird zum Zentrum des Vorplatzes und definiert ihn räumlich.

Das Fundament bilden hellgraue Fallschutzmatten aus recyceltem Gummigranulat. Die Skulptur wird zunächst in Ton geformt. Anschließend erfolgt mithilfe eines Silikonabgusses ein Bronzeguss.

 

realities:united: „Die will nur spielen“

 

realities-1.jpgFoto: Kilian Reil

Ein wesentlicher Ausgangspunkt für den Entwurf ist die Architektur des BBGZ und sein mit Aktivität aufgeladener direkter Außenraum. Die acht Meter hohe Skulptur Die will nur spielen, die aus einer massiven Stahlplatte bestehen soll, soll zentral vor dem Eingang der Vierfachsporthalle platziert werden. Sie bildet hier einen deutlichen Orientierungspunkt und markiert weithin sichtbar den Eingangs- und Zufahrtsbereich des Gebäudekomplexes. Das Objekt agiert symbiotisch, weil es den Eingangsbereich als Ort insgesamt stärkt und den Haupteingang zur Sporthalle besser sichtbar macht. Gleichzeitig konkurriert das Objekt mit dem Gebäude. Es steht nicht so sehr im Weg, dass es die Funktion des Haupteingangs tatsächlich behindert, aber doch so spürbar, dass das Objekt erscheint wie ein Akteur, welcher sich selbst in den Vordergrund drängelt. Mit dieser Setzung wird eine Bereitschaft zu einer quasi physischen Auseinandersetzung erkennbar. Die Skulptur steht selbstbewusst und sperrig auf dem Weg, materiell und robust. Der Ausdruck ist kräftig, das Auftreten ungestüm, etwa so, wie sich eine Abwehrspielerin vor dem eigenen Torraum aufstellen würde. Eine Gestalt, die körperlich ist und territorial in den Raum wirkt. “Keine Angst, die will nur spielen, die tut nix!” - diesen Ausruf könnte man sich in diesem Zusammenhang vorstellen. Rangehen und sich irgendwie hinstellen, das ist in diesem Kontext in Ordnung. Denn auf dem Gelände des entstehenden BBGZ – draußen wie drinnen – können und sollen schließlich alle auf ihre Weise in Bewegung kommen, vor, in, um und am Bürger-, Begegnungs- und Gesundheitszentrum. Aktiv werden, Position beziehen, sich stellen, sich halten, und so weiter. Es ist nicht so wichtig, eine gute Figur zu machen, sondern überhaupt zu erscheinen und aufzutreten – so der Gedanke des Künstlerduos.

Nicht nur durch seine materiellen Eigenschaften und seine räumliche Platzierung nimmt das Objekt eine provokative Haltung ein. Die Formatentscheidung für eine großformatige Stahlplastik an dieser Stelle ist selbstbewusst, unerschrocken – und sie ruft Fragen auf. Realities:united ist der Meinung, dass dieser Impuls hier richtig ist, da das Bürger-, Begegnungs- und Gesundheitszentrum nicht nur der sportlichen Betätigung und dem Wettkampf dienen soll, sondern ganz entschieden auch die Gemeinschaftsbildung fördern kann.

Die Skulptur besteht aus massivem Stahlblech, das farblich gelb und türkis beschichtet wird. Wenn die Besucher*innen auf das BBGZ zugehen, sehen sie die gelbe Seite, beim Verlassen der Vierfachsporthalle hingegen die türkisene.

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Illustrationen: realities:united

 

Yarisal & Kublitz: Everything is connected. Nothing lasts. You are not alone.

 

yarisal-1.jpgFoto: Kilian Reil

Die Arbeit Everything is connected. Nothing lasts. You are not alone. besteht aus sieben geometrischen Skulpturen, die an unterschiedlichen Orten auf dem Gelände rund um die Vierfachsporthalle und das Familienzentrum platziert werden sollen. Der Kern der Skulpturen wird aus Beton gefertigt und mit weißen Fliesen verkleidet. Jede Skulptur soll eine kreisförmige Aussparung haben, in die eine große farbige Glasplatte eingesetzt wird. Damit erhalten die Skulpturen unterschiedliche Farben. Durch das farbige Glas werden sich die Skulpturen je nach Wetter und Licht optisch zudem immer wieder verändern. Als Inspiration für den Entwurf fungierten Chakren und Bushaltestellen. Chakra bezieht sich auf die Energiezentren im Körper. In Sanskrit bedeutet es "Rad der sich drehenden Energie". Es wird angenommen, dass es sieben Hauptchakren gibt, die entlang der Wirbelsäule verlaufen. Sie entsprechen jeweils Nervenbündeln, wichtigen Organen und Bereichen unseres Energiekörpers, die unser emotionales und physisches Wohlbefinden beeinflussen. Alle sieben Chakren haben ihre eigene Farbe, Bedeutung und das ihnen zugeordnete Element, was im vorliegenden Entwurf adaptiert und an die Aufstellungsorte angepasst wird. Bushaltestellen wiederum stellen einen vielfältig zugänglichen, öffentlichen Raum, Abholpunkt und Treffpunkt dar, an dem sich sowohl alte als auch junge Menschen aus unterschiedlichen Kontexten treffen können, ohne dass es ein bestimmtes Unterhaltungsangebot gibt. Das Künstlerduo versteht das Erlanger Bürgerbegegnungszentrum als Metapher für einen lebendigen Organismus, wobei für das Funktionieren des Organismus jeder Teil gleich bedeutsam ist. Im Entwurf sollen die sieben Skulpturen die geistige Gesundheit der Gemeinschaft symbolisieren.

Die Intention hinter dem Kunstwerk ist, dass die Skulpturen wie Katalysatoren wirken, die Menschen zusammenkommen lassen. Es sind partizipatorische Skulpturen, die das Gespräch zwischen Nutzer*innen und Betrachter*innen fördern sollen. Sie bieten den Besucher*innen die Möglichkeit, ihre unmittelbare Umgebung auf eine einzigartige, spielerische Art und Weise zu betrachten, und schaffen gleichzeitig einen Treffpunkt zum Verweilen. Die Skulpturen sollen gezielt zu vielfältigen spontanen Begegnungen der Gemeinschaft anregen.

Das Künstlerduo geht davon aus, dass sein Vorschlag einen gewichtigen Teil dazu beitragen könnte, das Erlanger Bürger- und Sportzentrum zu einem echten Ort der Zugehörigkeit zu machen. Die Skulpturen sind Treffpunkte, an denen soziale und wirtschaftliche Ungleichheiten, Generationen- und Kulturunterschiede vorübergehend beiseitegeschoben werden. Die Objekte können als Platz zum Spielen, Ausruhen oder Sitzen sowie als Treffpunkt fungieren. Die unterschiedlichen Farben verhelfen außerdem zu einer besseren Orientierung auf dem Gelände. Die Struktur in Kombination mit dem farbigen Glas schließlich verbindet das Funktionelle und Interaktive mit dem Magischen und Spielerischen.

Die Objekte bestehen aus einem Betonkern, der mit Fliesen überzogen wird. Darin eingefasst sind runde Glasscheiben aus bruchsicherem Glas.

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yarisal-3.pngIllustrationen: Yarisal & Kublitz

 

Dellbrügge & de Moll: agon und ilinx

 

dellbruegge-1.jpgFoto: Kilian Reil

Die Arbeit agon und ilinix besteht aus zwei Skulpturen in Form von langen, schmalen Rundpfeilern, die zentral vor dem Eingang der Vierfachsporthalle platziert werden sollen. Agon und ilinx verkörpern zwei Konzepte des Spiels: agon ist der geregelte Wettkampf, ilinx ist Rausch und Schwindel, wie sie zum Beispiel durch eine rapide Rotationsbewegung hervorgerufen werden. Die Ludologie sieht im Spiel ein Supraabundans, einen Überschuss und eine Qualität des Handelns, die sich vom gewöhnlichen Leben und dem Primat von Nützlichkeit und Produktivität unterscheidet. Das Spiel ist der Ursprung kultureller Operationen und bewahrt ein zutiefst närrisches Moment.

Agon und ilinx geht von vorhandenen Bauelementen aus und fügt den Rundpfeilern, die Dach und Decken der Sporthalle tragen, zwei weitere mit identischen Maßen hinzu. Diese treten aus dem architektonischen Gefüge heraus auf den Vorplatz. Sie tanzen förmlich aus der Reihe. Agon und ilinx haben die Form langer, schmaler Rundpfeiler, die sich aus zehn weißen und schwarzen Segmenten zusammensetzen, die auf Bodenscheiben mit ebenso vielen schwarzweißen Kreisen fußen. Während agon gleichmäßig wie eine Messlatte unterteilt ist, sind bei ilinx die Segmente verschoben. Die dazugehörige Bodenscheibe erinnert an Duchamps rotoreliefs, die Bodenscheibe agons in ihrer Gleichmäßigkeit an eine Zielscheibe.

Wie ihre Vorbilder werden agon  und  ilinx aus Beton gefertigt. 100% ressourcenschonender Recyclingbeton wird dabei mit Titanweiß bzw. Kohlenstoffpigment/Eisenoxyd farbig beschichtet. Die Bodenscheiben werden vor Ort gegossen und schließen bündig mit dem Boden ab.

dellbruegge-2.jpg.pngIllustration: Dellbrügge & de Moll

 

M+M: Float like a butterfly,... Rules of the Game

 

mum-1.jpgFoto: Kilian Reil

Die Arbeit Float like a butterfly,… Rules of the Game besteht aus zwei hohen Elementen, die an Bücherregale erinnern. Eines der beiden Skulpturen wird im Foyer der Vierfachsporthalle aufgestellt, das andere im Eingangsbereich des Familienzentrums. Ein breites, farbig flimmerndes Objekt ragt hinter den Panoramafenstern des Sporthallenfoyers des BBGZ links vom Eingang über vier Meter in die Höhe. Beim Nähertreten entpuppt sich das Objekt als überdimensionales, von einer Glasvitrine umschlossenes Regal, das mit tausenden verschiedenfarbigen Büchern gefüllt ist. Ein ähnliches mit den gleichen Büchern befülltes Regalobjekt, wenn auch entsprechend kleiner, findet sich im Foyer des Familienzentrums.

Beide Regalvitrinen sitzen jeweils auf einem ca. 80 cm hohen Betonsockel auf. Während das erste Regalobjekt vollkommen frei im Eingang der Sporthalle steht und auf der Vorder- wie Rückseite gleichermaßen gefüllt ist, ist das zweite im Familienzentrum an der linken Foyerwand befestigt und nur vorderseitig zugänglich.

Das Werk ist als partizipatorisches Projekt angelegt. Die beiden Regalobjekte enthalten eigens für das BBGZ entwickelte und vom Künstlerduo M+M erdachte Bücher. Diese Bücher enthalten eine breit angelegte Regelsammlung unterschiedlichster Sportarten und Gesellschaftsspiele, die weltweit zusammengetragen wurden, aber auch Zitate von Gamer*innen und Sportler*innen, wie das titelgebende von Mohammad Ali: “Float like a butterfly, sting like a bee.” Die Reglements reichen von international bekannten Spielen und Sportarten bis hin zu weniger vertrauten aus entfernten Kulturregionen. Insbesondere die Herkunftsländer zugezogener Bewohner*innen Erlangens sollen hierbei als Quelle dienen. Zwölf Farben kennzeichnen die Umschläge der Bücher sowie die Glasrückwände der Regale. Sie nehmen Bezug auf die Landesfarben der unter den Einwohner*innen Erlangens häufig vertretenen Herkunftsländer: Deutschland, Indien, Türkei, China, Italien, Rumänien und Syrien. In den zufälligen Buchrückenkombinationen verbinden sich die Farbextrakte zu einem flirrenden, bunten Gesamtbild, das an die Flügel eines Schmetterlings erinnern könnte. Idee der Arbeit ist, dass die Bücher unter den Besucher*innen des BBGZ verteilt werden und das Wissen um die verschiedenen Sport- und Betätigungsarten, die Traditionen anderer Kulturen weiterverbreitet wird. Dazu wird beim ersten Besuch der Sporthalle oder des Familienzentrums jedem Mitglied eines Sportvereins, einer Schulklasse oder anderen Freizeitgruppierung ein Buch überreicht. Im Laufe der Zeit reduziert sich der Buchbestand und gibt langsam den Blick auf die dahinter liegenden Farbflächen frei. Nach vollkommener Entleerung wird das Regal mit neuen Buchexemplaren befüllt. Die Auflage der Bücher wird auf eine zehnjährige Nutzung ausgelegt.

Das Objekt besteht aus einem Betonsockel, auf dem eine Glasvitrine aufsitzt, die die Bücher umfasst. Das Material der Bücher ist Papier.

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mum-4.jpgIllustrationen: M+M

 

Alona Rodeh: SPASSS OHNE ENDE

 

alona-1.jpgFoto: Kilian Reil

Die Arbeit Spasss ohne Ende besteht aus zwei illuminierten Skulpturen, die auf dem Dach der Vierfachsporthalle („Spasss“) und an der Dachkonstruktion des Familienzentrums („ohne Ende“) angebracht werden. Die geplante Arbeit bildet den fünfsilbigen Satz „Spasss ohne Ende“, als dessen Inspiration die Kult-Fernsehsendung Spiel Ohne Grenzen fungierte, die ab Mitte der 1960er bis 1980 in Deutschland ausgestrahlt wurde. In der Show traten Teams, die verschiedene Städte repräsentierten, gegeneinander an, erst national und dann in europaweiten Wettbewerben. Deutschland war eine der stärksten Mannschaften in den europäischen Wettbewerben und gewann mehr Turniere als jedes andere teilnehmende Land. Die geplante Arbeit orientiert sich an einigen der Grundwerte, die zur Popularität von Spiel ohne Grenzen beigetragen haben, wie dem Gefühl der Gemeinschaft, das bei Teilnehmer*innen und Zuschauer*innen hervorgerufen wurde, der Rückgewinnung des öffentlichen Raums für die Freizeit und den spielerischen Eingriffen in Stadtlandschaften.

Darauf basierend versteht die Künstlerin ihren Vorschlag für Erlangens neues Bürger-, Begegnungs- und Gesundheitszentrum als Katalysator für die Förderung von Gemeinschaft, für Leute jeden Alters, sowie Hobby- und Profisportler*innen. Die Arbeit Spasss ohne Ende verhält sich wie eine offene Einladung und schlägt eine persönliche Perspektive auf die unbezahlbare Freude am Moment vor. Die Wortwahl für den Titel der Arbeit betont die Verbindung zwischen körperlicher Aktivität im Freien und einer erweiterten Wahrnehmung von Sport als angenehmem Zeitvertreib. Spasss ohne Ende hat dabei das Potential ein visueller Orientierungspunkt oder gar ein Talisman zu werden, der die Besucher*innen bei ihrer Ankunft im Zentrum begrüßt. Jede*r, die*der sich dem Gelände nähert, sieht die fröhlich hüpfenden Buchstaben bereits aus der Ferne. Während das Element „Spasss“ fest fixiert ist, dreht sich das Element „ohne Ende“ in einer Endlosschleife über dem Haupteingang des Familienzentrums. Seine rotierende Kreisform, ähnlich einem Riesenrad, soll eine konzeptionell und körperlich unendliche Bewegung suggerieren. Indem das Element vor der Dachkonstruktion installiert wird, erweckt es den Eindruck, es schwebe vor dem Gebäude. In Form und Funktion verhält sich das rotierende Textelement für das Familienzentrum und das DAV-Kletterzentrum wie eine Sonne. Am frühen Abend erstrahlen die leuchtenden Buchstaben, und zwischen 21.00 und 22.00 Uhr werden sie langsam dunkler, bis sie vollständig ausgeschaltet sind. Die zwei Teile der Arbeit verbinden die beiden wichtigsten „Hotspots“ des Bürger*innen-, Begegnungs- und Gesundheitszentrums und richten sich an alle Erlanger*innen.

Die Buchstaben sind aus Metall gefertigt und beleuchtet.

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alona-3.jpgIllustrationen: Alona Rodeh

 

Schönfeld, Zeller & Moye: EVA

 

eva-1.jpgFoto: Kilian Reil

EVA ist ein skulpturales Arrangement, konzipiert für die Begegnung von Menschen und anderen Spezies, ein nutzbarer Raum und ein sichtbares Zeichen für die Bedeutung von Gemeinschaft über das Menschsein hinaus auf unserem Planeten. Grundidee des Vorschlags ist es, den Raum des BBGZ auch für andere Spezies zu öffnen und einen Treffpunkt zu schaffen, der sowohl Menschen, egal welcher Herkunft, welchen Alters oder Geschlechts, als auch andere Spezies willkommen heißt. Dabei soll die Aufmerksamkeit und das Bewusstsein für die Anwesenheit und Wichtigkeit der Anderen gefördert und unterstützt werden. Der Bezug zum Naturschutz ergibt sich aus der Tatsache, dass das Bürger-, Begegnungs-, und Gesundheitszentrum Erlangen direkt neben dem Naturschutzgebiet Exerzierplatz liegt, das Teil der berühmten nordbayerischen “Sandachse” ist, einem Gebiet mit wertvollen Sandbiotopen, in dem über 300 gefährdete Arten leben.

Die Skulptur EVA soll zentral vor dem Haupteingang der Vierfachsporthalle platziert werden. Sie wird als monolithische Form aus erdfeuchtem Stampfbeton in einer eigens vorgefertigten Schalung hergestellt und auf einem einfachen Betonfundament aufgestellt. Die Skulptur ist eine vier Meter hohe Raumkapsel, in der Form inspiriert von der EVA Pod aus Stanley Kubricks Science-Fichtion-Film „2001: A Space Odyssey“. Die wichtigste Funktion einer Raumkapsel ist es, Leben unter widrigsten Umständen zu erhalten. Sie bietet Schutz und vereint alles Lebensnotwendige auf engstem Raum. Um Begegnungen zwischen den Spezies zu ermöglichen und gleichzeitig mehr oder weniger bedrohten Arten Unterschlupf zu gewähren, werden in die Skulptur mehrere Insektenhotels für solitäre Wildbienen, Grabwespen, Hummeln, Käfer, Schmetterlinge und Nachschmetterlinge integriert sein, und zwar dort, wo in der Raumkapsel die jeweils spezifischen Technologien untergebracht sind – in den Lampen und Schaltungen, Knöpfen, Paneelen und Konsolen. Dafür werden z.B. zusätzlich zum Stampfbeton Hartholzinlays in die Skulptur eingelassen. Die Künstler*innen werden eng mit mehreren örtlichen Naturschutzverbänden und Institutionen zusammenarbeiten, um sicherzustellen, dass die Konstruktion den Bedürfnissen der oben genannten Arten entspricht. Sie wird drei Jahre lang von einem*r Spezialist*in überwacht, um das sich entwickelnde Ökosystem zu unterstützen. Integriert in die Skulptur sind außerdem auch Sitzgelegenheiten, die den Menschen zum Verweilen und Beobachten des bunten Treibens einladen.

Der archaisch wirkende Stampfbeton ist hauptsächlich durch den lokalen Sand geprägt. Farbvariationen und sichtbare Schichtungen werden die Erscheinung der Skulptur maßgeblich bestimmen und sie als Ausschnitt des lokalen Erdbodens erscheinen lassen. So soll auch das Material dieser Skulptur der „Sandachse“ ein Denkmal setzen und diese damit ins Bewusstsein der Besucher*innen rücken.

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eva-4.jpgIllustrationen: Schönfeld, Zeller & Moye

 

Sebastian Kuhn: MOVE Oyster Principles Cause Pearls

 

kuhn-1.jpgFoto: Kilian Reil

Die Arbeit MOVE Oyster Principles Cause Pearls besteht aus vier Elementen, die jeweils paarig vor und in der Vierfachsporthalle und im Durchgang zum und vor dem Familienzentrum installiert werden sollen. Dabei setzt sich jedes Paar aus einer freistehenden Skulptur und einer spiegelnden Deckenreliefstruktur zusammen, wobei ein besonderes Augenmerk auf dem Zusammenspiel von Kunst, Umgebung und Architektur liegt. Die Teile des Entwurfs lassen sich durch ihre Platzierung als gepaarte Klammer lesen. Zum einen die große Säule am Quartierseingang mit dem Deckenrelief aus Spiegelhalbschalen im Foyer der Vierfachturnhalle. Und zum anderen das Band von Rundspiegeln an der Decke des Durchgangs zum Familienzentrum mit der zentralen Skulptur unter dem Baum in der Innenhof-Mitte. Hier gibt es zwei Wahrnehmungsebenen – fern und nah. Aus der Distanz werden Skulptur und Deckenrelief jeweils gemeinsam wahrgenommen und verbinden so Innen und Außen. Aus der Nähe entwickeln diese im Einzelnen eine eigene räumliche Tiefe, die die Betrachter*innen als Personen direkt einbezieht und Interaktion anregt.

Mit einer Höhe von vier Metern bildet die aufrechtstehende, säulenartige Skulptur den Auftakt zum ganzen Areal des Zentrums. Ihre Teilung im Verhältnis drei zu fünf orientiert sich an den menschlichen Proportionen. Die beiden Hälften scheinen aufeinander zu balancieren, sich fast tänzelnd aufeinander zu bewegen und stellen so eine direkte Verbindung zur Nutzung des Zentrums her. Die Säule ist mit 24 Karat Blattgold vergoldet. Dieses verweist auf die Bedeutung des Ortes, an dem Familie, Lernen, Zusammenkunft, Gemeinsamkeit, Freude an der Bewegung, Wettkampf, Fitness und Gesundheit eine große Rolle spielen. Es steht symbolisch für die Verbindung von Emotion, intellektueller Auseinandersetzung sowie körperlicher und geistiger Anstrengung. Bewegt man sich vom Vorplatz aus auf den Eingang des Gebäudes zu, so ist das Deckenrelief im Foyer durch die Glasfront bereits von außen gut sichtbar. Hier sind spiegelpolierte Halbschalen aus Edelstahl in unterschiedlichen Durchmessern und Wölbungen direkt am abgehängten Teil der Foyerdecke angebracht. Vom Eingang über die Treppe bis ins erste OG, wird das Relief an der Decke zuerst als ein großes Ganzes wahrgenommen. Die Spiegelungen von Bewegung erwecken aus der Distanz den Eindruck einer Gruppe oder einer gleichmäßig bewegten Wasseroberfläche.

Das Band an der Decke des Durchgangs zum Familienzentrum mit einer zentralen Skulptur neben dem Baum im Innenhof bildet in umgekehrter Anordnung zur Vierfachsporthalle das zweite Paar der Klammer. Die Setzung betont den Ort des Durchgangs und verbindet diesen durch die bereits von hier erkennbare Skulptur mit dem Innenhof des Familienzentrums. Die Besucher*innen des Familienzentrums werden zu Akteur*innen, da jede Bewegung in vielen kleinen Einzelbildern reflektiert wird. Die Eins-zu-eins-Teilung der muschelartigen Skulptur, die bereits vom Durchgang aus wahrgenommen werden kann, orientiert sich an der Körperproportion von Kleinkindern und ist auch deutlich niedriger positioniert. Auch sie ist blattvergoldet und mit einer Dreischicht- und Graffitischutzlackierung überzogen.

Grundgedanke und Ziel des Entwurfs ist, dass die Menschen durch die Wahrnehmung der Kunst das Bürgerbegegnungszentrum als besonderen Ort erleben. Der Bezug zum menschlichen Maß, körperliche Präsenz und räumliche Wahrnehmung sind Dinge, die sich in die Erinnerung und den Erfahrungsschatz der Menschen einschreiben und im digitalen Zeitalter zudem wichtiger denn je erscheinen. Spiegelungen schaffen Verbindung und Interaktion mit der Umgebung, ermöglichen Selbstwahrnehmung und erzeugen Räume. Durch die Verbindung von Kunst und Architektur sollen die Besucher*innen den Ort als Einheit wahrnehmen, die ihm Identität verleiht.

Die Skulpturen werden aus Edelstahl gefertigt, die Halbschalen bestehen aus spiegelpoliertem Edelstahl.

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kuhn-5.pngIllustrationen: Sebastian Kuhn

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